DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!

Ein Stück von Fränk Heller


Menschen nach Feierabend. Vom Sport geht es in den Club - zum Tanzen, Trinken, Flirten, doch das Aufeinandertreffen dieser dem Selbstoptimierungswahn verfallenen Zeitgenossen nimmt schon bald absurde Formen an.

 

Eine Satire über Coaches, Ratgeberliteratur, das bessere Leben und den missionarischen Eifer im neoliberalen Zeitalter von Selfmade-Esoterik und abstrusen Verschwörungstheorien.



In einem Berliner Club treffen sich Schwule und Heteros, Paare und Einzelne - sich festzulegen ist so unsexy! Begehrlichkeiten werden geweckt. Geflirtet aber wird gemäß den Verhaltensregeln aus Erfolgreich Flirten! Man redet irgendwie über alles und nichts, doch besonders intensiv über sich selbst.

 

Auf der Suche nach unverbindlichen Kontakten, haben die Enkel der Postmoderne jedoch Schwierigkeiten im Umgang mit realen Menschen außerhalb ihres Facebook-Universums. Sie alle begegnen sich unter den Zwängen selbst auferlegter Regeln für ein besseres Leben, mit Ratgebern in der Westentasche, den Kopf voll abstruser Theorien aus Internet-Blogs, vermengt mit beachtlichem Halbwissen. Die Dialoge sind durchsetzt von abwegigen Theorien zur Selbstoptimierung. Für die Auseinandersetzung mit ernsthaften Problemen aus Politik und Gesellschaft hat sowieso niemand mehr Zeit. Es muss ja der individuell entworfene Zeitspar-Plan eingehalten werden, also schnell mal entschleunigen und dann ab zur Selbsthilfegruppe der Anonymen Sexmaniacs! Den unausweichlichen Burn-Out therapiert man mit Eigen-Urin. Nervenschonender als eine fundierte Gesellschaftsanalyse ist der Glaube an illuminatengesteuerte Reptilienmenschen, Chemtrails und Orbs.

 

In der Inszenierung mischen sich unweigerlich die Schauspieler und Clubbesucher, die Grenzen verschwimmen. Zum Schluss feiern alle zusammen auf der für den Abend angesetzten Party des SchwuZ.

 

 

Premierenkritik von Stefan Bock, Kultura-extra:


"Du musst dein Leben ändern" ist der in fünfhebige Jamben gemeißelte Ausruf der Bewunderung des Dichters Rilke beim Anblick eines Jünglingstorsos im Pariser Louvre. Was damals noch Ausdruck einer Art Offenbarung, in jenem leuchtenden Steinfragment des Dichtergotts Apoll das Licht der Wahrheit erblickt zu haben, war - ist in Zeiten der Postmoderne zu einem reinen Schlagwort verkommen. Eine schöne Phrase, die zwar einem bekannten deutschen Philosophen noch für einen anthropologisch umwickelten bunten Strauß aus kulturhistorischen Bonmots taugte, aber ansonsten beliebig anwendbar nur noch die ständige Optimierung des eigenen Ichs meint. Peter Sloterdijk spricht von Übungen zur Perfektionierung des Menschen in Hinsicht auf biologische, soziokulturelle und symbolische Eigenschaften. Die Arbeit an sich selbst, was nichts anderes bedeutet, als eine allgemeine und umfassende Disziplinierung des Individuums zur Verbesserung seiner selbst und somit der Welt.

 

Einen besonderen Raum nehmen dabei sogenannte "spirituelle Übungssysteme", auch Religionen genannt, ein. Nun haben wir gerade erst in Nis-Momme Stockmanns Stück Die Kosmische Oktave gelernt, dass der Individual-Wahn mit seinem Streben nach Einzigartigkeit und Ausschöpfung aller persönlichen Möglichkeiten durchaus auch einen geheimen Wunsch nach Uniformierung impliziert. Der Mensch ist bei seiner Suche nach Selbsterkenntnis und -verwirklichung ganz besonders anfällig gegenüber jeglicher Art spiritueller, religiöser oder parawissenschaftlicher Ansprache. Ratgeberliteratur, Selbsthilfegruppen, Lebenstipps aus Zeitschriften, Weblogs und entsprechenden Internetseiten verbreiten dabei nicht nur verschiedenste Anregungen und Ansichten, sondern auch jede Menge unbelegtes Halbwissen.

 

Womit wir dann auch beim eigentlichen Thema sind, dem sich das Ensemble der ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY um Regisseur und Autor Fränk Heller in ihrer neuen Theaterproduktion mit dem gleichermaßen philosophischen wie programmatischen Titel Du musst dein Leben ändern! widmet. Gleich beim Einlass ins SchwuZ, dessen Clubräume sich hinter einem unscheinbaren Neuköllner Garagentor labyrinthartig ausbreiten, wird einem von einer vollkommen überzeugend argumentierenden jungen Frau gesegnetes Liebeswasser für 59 € die Flasche angeboten. Sie nennt es eingeweckte Liebe. Ob nun zur inneren oder äußeren Anwendung, muss ihr Geheimnis bleiben, denn schon wird man von einem jungen Mann in seinen Bann gezogen, der von sich behauptet, the cutest boy in town zu sein. "My car is fast, my teeth are shiney / I tell all the girls they can kiss my heinie" singt dieser cool actin' Boy und seine Jünger schwören auf Bobs Fähigkeiten als Körpercoach.

 

In einem Nebenraum sitzt ein Mann, der eine platonische Beziehung zur Stimme seines Navigationsgeräts im Auto pflegt, die sich nach Belieben ein- und ausschalten lässt. Er ist wegen eines Hilferufs seines Bruders auf dem Weg nach Berlin. Wir beobachten weiter ein schwules Pärchen im Disput über eine den Beziehungsalltag rettende Idee einer Weltreise. Zögerlichkeit gegen eine klare Ansage. Jeder pflegt hier seine ganz persönliche Neurose nach dem Motto: In Schöneberg hocken wie Kant in Königsberg, nur von Vernunft keine Spur. Raus aus der Do-it-your-self-Gemütlichkeit, Angst vorm Verlieren ist Bäh. Wenn nur jemand eine Richtung vorgeben könnte. Man sehnt sich nach Führung und schreitet bestens angeleitet zur Vermessung des Ichs. Der Macho Bob dringt vor zur Epoche der neuen Männlichkeit und will dafür Herzblut und nicht nur sein Sperma verschwenden.

 

Das Zusammentreffen aller erfolgt fast zwangsläufig auf dem Dancefloor des Nachtclubs. Zu Electro-Beats mischen sich problembeladene Schwule wie Heteros, tanzen, baggern, reden und versuchen ihr Ego zu wahren, bis die festgefügte Fassade zu bröckeln beginnt. Bob trifft seinen schwulen Halbbruder Bernd, um sich Rat zu holen. Beim großen Coach in Liebesdingen herrscht nämlich schon länger tote Hose. Beide führen ein selbstverleugnendes Doppelleben, und auch der Rest der ausgebrannten Gesellschaft hält sich nur mit schaler Esoterik und Internetwissen über Karma und feinstoffliche Wesen über Wasser. Skeptiker erzeugen da nur schlechte Vibes und Negativstimmungen. Die Wurzel des Problems wird längst durch die vielen Ratgeberstimmen überdeckt, erlittenes Unheil als Chance verkauft. Einfach loslassen und die Resettaste zum Neustart drücken, ist die Devise.

 

Heller lässt seine Figuren hier in völliger Konfusion zusammenprallen, was auch zuweilen für etwas Verwirrung beim Zuschauer sorgt. Das Tempo und andauernde Stimmengewirr lässt einem auch kaum Zeit, Atem zu holen, um das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. An sich ist das Setting des SchwuZ dafür schlau gewählt und die Thematik auch gut durchdacht. Etwas Straffung täte der Story aber durchaus gut. Man verliert sich doch etwas in den schönen Bildern und übt sich in Phraseologie. Fränk Heller löst das Problem der inneren Unruhe und Fremdbestimmung seiner Protagonisten auch nicht auf. Er schafft mit seinem ironischen Text jedoch berechtigte Zweifel am Ritus, des sich stets erneuernden Menschen. Der Rausschmeißer kommt in Gestalt der Putzfrau, die den intellektuellen Problemmüll mit Wortgewalt und haarigem Besen auskehrt. Die Party ist hier aber noch lange nicht am Ende.











Vorstellungen:
Premiere am 2. April 2014
weitere Vorstellungen am 9. und 16. April
im Schwuz




Spiel:
KEVIN BRANDSTÄTTER
IRIS MARIE DUFFEK
RONAN FAVERAU BERTHELO
NINA HEITHAUSEN
NATASCHA MATTMÜLLER
MAX PHILLIP SCHRÖDER
PETER STEINKOHL
DENITSA STOYANOVA
LAURA PREUSSING
MARKUS WECHSLER
TIBOR WOLF

Regie und Text:

FRÄNK HELLER

Recherche u. Dramaturgie:
JUDITH KÖNIG

Choreographie:

TOMER ZIRKILEVICH

Musik: MARCELO ROYO

Sound: SERGIO MARINARO

Video: SIMON WECKERT

Maske: SEMIH USTA

Bühne:

BENJAMIN MENZEL

JOHANNES SCHNEIDER

Video-Beratung:

BENJAMIN KRIEG

Trailer/Fotos:

KRISTIAN KÖNNER

Flyer/Plakat:

LENA ROOB

Assistenz:

GESINE ADLER

Produktion:

MARKUS WECHSLER

Presse:
KERSTIN BÖTTCHER

 


gefördert von der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten






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