Woyzeck

Eine Adaption von Fränk Heller
nach Georg Büchners Woyzeck


Nun wurde es ja tatsächlich schon tausendfach in allen Facetten beleuchtet, das fragmentarisch gebliebene Stück von Georg Büchner über einen, der die Sprache der Macht nicht beherrscht und nicht versteht; der unter die Räder gerät und in seiner Verzweiflung die Freundin tötet, obwohl auch das Drehbuch für diesen Mord eindeutig andere geschrieben haben...

Zumeist wird aber unterschlagen oder einfach vergessen, dass nach der angekündigten Katastrophe ein Kind allein zurückbleibt: Woyzecks und Maries gemeinsamer Sohn Christian. Ein "Narr" namens Karl scheint ihn am Ende zwar zu adoptieren; doch was weiter aus Christian wurde, erfahren wir nicht.

Fränk Heller hat den Fokus in genau diese Richtung verschoben. Er lässt den erwachsenen Christian auftreten und ihn als Zeitreisenden, der selbst nicht gesehen werden kann, die Geschichte seiner Eltern mitverfolgen; lässt ihn dabei die Wut auf seinen Vater empfinden und sich vor dessen schrecklicher Ohnmacht gruseln, lässt ihn aufbegehren und doch mehr und mehr nach Versöhnung lechzen. Für seine Einwürfe wurden Textfetzen aus Büchners "Lenz" verwendet.

Christian also wurde, nachdem er von einem "Narrenpaar", das vor der Woyzeck-Marie-Kulisse geradezu wie "das ideale Paar" erscheint, offenbar groß gezogen; er hat dann einen Lebensweg gewählt, der es ihm erlaubte, das grausame Gelächter der Menschen, das seinen Vater so erniedrigt hat, souverän zu kontrollieren und im Bedarfsfall auch gegen das Publikum zu wenden: er ist nämlich eine Show-Transe geworden - und steht zu diesem Leben. Wenn die Leute schon über ihn urteilen, dann will er die Art ihres Urteils mitbestimmen und die Urteilenden selber bloßzustellen vermögen. Sein erstes Erscheinen auf der Bühne zeigt ihn nach einer Vorstellung in der Garderobe, während er sich abschminkt. Und doch trägt er das Erbe seines Vaters mit sich herum: die Angst.

Die Woyzeck-Geschichte spielt hier in einem ärmlichen und provinziell anmutenden Vorort einer großen Stadt. Woyzeck arbeitet für einen kriegsversehrten "Hauptmann", körperlich und geistig versehrt seit einem Einsatz am Hindukusch: ein nörgelnder und jammernder Tyrann, doch auch er ein Opfer - wie alle Handelnden in dieser Inszenierung.

Inzwischen betreibt der Hauptmann in dem Ort eine Disko und gilt der ganzen Nachbarschaft als potenzieller Arbeitgeber, was ihm den nötigen Respekt verschafft. Woyzeck leistet die Drecksarbeit und mehr für ihn. Marie und ihre Freundin sind wohl so etwas wie unbezahlte Animierdamen, die immerhin auf das Trinkgeld der Gäste hoffen können.

Ein Fernsehteam besucht die traurige Vorstadt - die "Jahrmarktsleute" aus dem Originaltext. Es geht diesen Leuten aber nicht um eine realistische Dokumentation, sondern um ein besonders publikumswirksames Bloßstellen des ansässigen Prekariats in einer Art "Reality-Show".

Im Schlepptau hat dieses Team insgeheim ein zweites, das Darsteller für eine billige Pornoproduktion castet. Ihr Opfer ist der attraktive, aber eitle und leichtgläubige "Tambourmajor", der sich fortan als Filmstar fühlt, erfolgreich den Großverdiener mimt und daher Marie, die immerhin ihr Kind versorgen muss, leicht zu verführen versteht.

Woyzeck muss derweil für die Ärztin, die von einer wissenschaftlichen Karriere in der Stadt träumt, das Versuchskaninchen spielen. Die strenge Diät, auf die er gesetzt wird - ausschließlich Erbsen! - vernebelt ihm zusehends das Hirn. Der einzige Freund, der ihm geblieben ist, existiert nicht wirklich: Andres ist eine fiktive Figur, mit der er sich unterhält, die ihn bei Vernunft hält, der er aber immer weniger zuhört, und die sich schließlich ganz in Schweigen hüllt.

Die wirklichen Schuldigen an seiner Situation vermag Woyzeck nirgends auszumachen. Seine soziale Situation politisch zu analysieren versteht er nicht. Und würde er sie begreifen, könnte er daran wohl nichts ändern. Stattdessen wächst in ihm die Überzeugung, dass in den allgegenwärtigen Graffiti (diesen "Flechten") geheime Botschaften der Illuminaten zu finden sind - die er selbstredend für alles Übel verantwortlich macht! Schließlich hört er sogar Stimmen - doch das sind vorgefertigte Denkmuster, die ihm ein Leben lang eingeimpft wurden, und die ihn schließlich dazu bringen, in einer sehr stillen Szene, die fast wie ein hilfloses letztes Liebesgeständnis wirkt, seiner Marie die Kehle durchzuschneiden.

Während Woyzecks weiteres Schicksal bei Büchner im Dunkeln bleibt, da der Schluss vermutlich abhanden kam oder nie geschrieben wurde, wird er hier von der enttäuschten und verzweifelten Ärztin (unter Mitwirkung der erschrockenen Einwohner) zu Tode gespritzt wie ein Hund.

Christian aber, nachdem er sich die Geschichte bis zum bitteren Ende angesehen hat, zieht das achtlos zur Seite geworfene Hemd seines Vaters an - und "übernimmt" schließlich sogar dessen fiktiven Freund, Andres.

In Fränk Hellers Inszenierung sind die Akteure keineswegs unschuldig, doch sind sie zugleich allesamt Opfer: auf den eigenen Vorteil bedachte, hilflose Schurken, deren Träume man beschnitten hat, und denen man mehr und mehr die Lebensgrundlage entzieht. Bei Büchner mag der Hauptmann die Armee repräsentiert haben oder die Staatsmacht, der Doktor eine menschenverachtende Wissenschaft, der Tambourmajor den eitlen Mitläufer. Die heutigen Täter sind anonymer, sie jonglieren mit Börsenwerten oder beeinflussen die Politik im Interesse der Wirtschaft, genau genommen gibt es "sie" nicht einmal, es gibt nur diese Ideologie angeblicher Sachzwänge, aus der heraus der Sozialstaat abgebaut und die Bevölkerung ganzer Länder aufgegeben wird (und nein, dahinter stecken wohl kaum irgendwelche "Illuminaten"...).

Warum aber interessiert die Regisseure von "Woyzeck" so selten das Schicksal dessen, der sich überhaupt nicht wehren konnte, der niemanden leiden ließ, und den sogar der Autor selbst am Ende vergessen zu haben scheint?


Premiere 25.Februar 2011
Studiobühne theakademie

Regie und Adaption:
Fränk Heller
Licht:
Pascal Simon Grote
Musik:
Phil Haußmann
Regieassistenz:
Joscha Keiling
Maske:
Semih Usta
Technik/Bühne:
Juri Rendler
Coaching:
Paul Baiersdorf

Spiel:
Thomas Huth:
Woyzeck

Stefan Mollenhauer:
Christian, sein Sohn
Janine Seiler:
Marie

Markus Wechsler:
Hauptmann
Max Philipp Schröder:
Tambourmajor/Andres
Annika Angelina
Nápoles Frómeta:
Moderatorin/Käthe
Katharina Stüber:
Frau Doktor

Semih Usta:
Karl/Student

Nina Heithausen:
Närrin

 

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